Warum in Norwegen (fast) immer die Sonne scheint

October 19, 2017

„Wenn man von der Sonne spricht, so scheint sie“, sagt ein norwegisches Sprichwort. Und über dem relativ kleinen Land mit seinen nur rund 5,2 Millionen Einwohnern (Stand 2016) und einer sagenhaften Küstenlänge (ohne Fjorde und Buchten) von 2.650 Kilometern scheint die Sonne wahrlich – bildlich gesehen. Denn seit der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven Anfang der 1970er Jahre hat Norwegen eine enorme wirtschaftliche Entwicklung vollzogen.

Aus einem der ärmeren Länder Europas, geprägt von allem durch Schifffahrt, Fischfang, Land- und Forstwirtschaft, wurde einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt. Das hat dem Land viel Licht, aber auch einige Schattenseiten beschert: „Kein europäisches Land ist so stark von der Entwicklung des Ölpreises abhängig wie Norwegen. 2015 zum Beispiel sind durch die niedrigen Ölpreise dunkle Wolken über die 524-Milliarden Dollar-Ökonomie gezogen“, sagt Hagen-Holger Apel, Diplom-Volkswirt bei DNB Asset Management. Norwegen ist weltweit der fünftgrößte Lieferant für Öl sowie für Europa als Gaslieferant die Nr. 2. Die Öl- und Gasindustrie trägt jährlich etwa 15 % zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Ihr Anteil am gesamten Exportvolumen beträgt rund die Hälfte. Fast ein Drittel der Marktkapitalisierung an der Osloer Börse wird von der Ölindustrie bestimmt. Das ist aber die Ausnahme in den Nordics. Schaut man sich das gesamte Anlageuniversum Skandinaviens an, so macht der Energiesektor weniger als 4 Prozent aus – das liegt damit noch unter dem europäischen bzw. globalen Durchschnitt. „Doch trotz des Rückgangs des Ölpreises seit Oktober 2014, der zum Teil bis nahe an die 30-Dollar-Grenze pro Fass sank, ist Norwegen nicht in eine Rezession geraten. Das spricht für die Robustheit der Wirtschaft“, so Apel. Auch kann das Land auf den größten Staatfonds der Welt zurückgreifen, um die negativen Folgen sinkender Energiepreise abzudämpfen. Allein in diesem Jahr sollen voraussichtlich umgerechnet rund 13,4 Milliarden Euro aus dem Fondvermögen abgezogen und für stimulierende Programme ausgegeben werden. Folglich wird in diesem Jahr trotz der Konjunktur-Abschwächung durch den Ölpreisverfall ein Wirtschaftswachstum von rund 1,2% erwartet.

Das größte Unternehmen Norwegens kommt wenig überraschend aus dem Energiesektor. Statoil mit Sitz in Stavanger beschäftigt sich vor allem mit der Förderung und Verarbeitung von Öl und Gas. Die Aktien-Mehrheit liegt mit 67 % beim norwegischen Staat. Statoil beschäftigt rund 21.300 Angestellte, davon etwa 19.000 in Norwegen, und ist damit Norwegens größtes Unternehmen (Stand März 2016). Im Jahr 2015 erzielte das Unternehmen einen Gesamtumsatz in Höhe von 465,30 Milliarden NOK (rund 49 Mrd. Euro). Um seine Abhängigkeit von Öl und Gas zu verringern, investiert die Firma auch zunehmend in erneuerbare Energien wie Windparks und Solar-Anlagen.

Norwegen hat weltweit eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und mit Oslo einer der teuersten Hauptstädte der Erde. Das Land hat es geschafft, mit der Öl- und Gasindustrie als Basis eine stabile und dynamische Wirtschaft zu formen, die Jahr für Jahr hohe Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüsse aufweist. Damit einher ging eine schnelle Entwicklung des Dienstleistungssektors. Trotz des jüngsten Preisverfalls bleibt das Öl Grundlage des norwegischen Wohlstands. Der einzigartige Mix von Rohstoffen und deren effiziente Gewinnung und Nutzung (Öl, Gas, Strom aus Wasserkraft, Fisch und Holz) macht dem Land so schnell keiner nach. „Aufgrund der regelmäßigen Einnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft ist der norwegische Staat praktisch schuldenfrei“, so Apel. Norwegen ist aber auch Europas größter Wasserkraftproduzent. Dank der großen Wasserressourcen und Höhenunterschiede des Landes kann Norwegen seinen eigenen Elektrizitätsbedarf zu etwa 95 % aus Wasserkraft decken. Das Land ist auch Vorreiter bei der Zulassung von Elektroautos. Im Land gibt es derzeit über 110.000 batteriegetriebene Kfz. Ermöglicht wird der Boom durch eine massive staatliche Förderung.

Größte Bank Norwegens ist DNB mit einer Bilanzsumme von rund 276 Mrd. Euro und knapp 10.700 Vollzeitstellen (Stand Juni 2017). „Der Bankensektor ist relativ klein, aber robust und ausreichend kapitalisiert. Die Marktführer sind ausnahmslos skandinavische Banken. Die Auswirkungen von Risiken in der Eurozone sind gering“ weiß Apel. Für Anleger, die aufgrund eventueller Unsicherheiten in Europa Interesse an einer Anlage in Skandinavien haben, ist ein Investment in norwegischen Kronen möglicherweise attraktiv. „Ein gutes Beispiel sind High Yield-Anleihen norwegischer Unternehmen. Die meisten Bonds weisen eine geringe Duration auf und sind somit gegen mögliche Zinsänderungen relativ gut geschützt. Zudem verspricht die norwegische Krone aufgrund der letzten Entwicklungen durchaus weiteres Aufwertungspotential“, so Apel weiter. Inflationssorgen brauche die norwegische Notenbank nämlich aktuell nicht mehr zu haben. Nachdem der Preisauftrieb 2016 zum Teil deutlich oberhalb des Inflationszieles der Notenbank (Norges Bank) von 2,5 % lag, ist die Inflation seit Februar auf diese Marke zurückgefallen und hat sich weiter abgeschwächt. Sie lag im August bei nur noch gut 1,3 % und im September bei etwas über 1,6 %. „Eine Verschärfung der Geldpolitik rückt damit etwas weiter in die Ferne, auch wenn man die steigenden Immobilienpreise weiterhin im Blick behalten muss. Nachdem die norwegische Krone zu Beginn des Jahres einen Teil ihrer Gewinne wieder abgegeben hat, würden die niedrige Staatsverschuldung und die konjunkturelle Belebung dafürsprechen, dass die norwegische Valuta auf die Gewinnerstraße zurückkehrt“, so Apel.